09.04.2019
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Mieteraktion

Brunaupark: «Renten sichern auf Kosten von uns Mietern? Sicher nicht!»

Ehemalige CS-Mitarbeitende, ältere Menschen, Familien, Bürgerliche – so verschieden sind die Bewohnerinnen und Bewohner des Brunauparks. Was sie eint: ihre Wut auf die CS. Sie sprechen von Verrat, Unmoral und Profitgier, von Wegwerfmentalität, Unmenschlichkeit und Bösartigkeit. Was ihnen nach der Kündigung von letzter Woche Mut macht, ist Kampfeslust und Solidarität.

Der grosse Saal des Kirchgemeindehauses Zürich-Enge ist schon eine Viertelstunde vor Beginn der Mieterinnen- und Mieterversammlung bis auf den letzten Platz besetzt. Und es drängen immer noch mehr rein. Zweihundertdreissig Personen finden am Abend des 2. April zusammen, zur zweiten Vollversammlung der Mieterschaft des Brunauparks, der 400 Wohnungen umfasst. Vier von fünf Wohnblöcke will die Pensionskasse der Credit Suisse abbrechen. Die Häuser sind zwar noch in tadellosem Zustand und die Siedlung bezeichnen viele dort Lebende als «Dorf in der Stadt», wo es teilweise starke soziale Strukturen habe, einen eigenen Kindergarten, eine KiTa. Aber die CS will hier noch mehr Profit erwirtschaften – durch zusätzliche und deutlich teurere Wohnungen.

«Das finde ich nicht in Ordnung!»

Ende März, nur wenige Tage vor dieser Versammlung, haben alle, die nicht im grössten Block wohnen, die Kündigung erhalten. Fast 240 Wohnungen sind betroffen, rund 450 Menschen, viele Kinder. Völlig unerwartet sollen viele der Mieter bereits im Juni 2020 ausziehen.  Die neu gegründete «IG Leben im Brunaupark» hat die Mietervollversammlung initiiert, mit Unterstützung des Mieterverbandes. Die Betroffenen hören aufmerksam zu, als sich die Engagierten vorstellen und die Vertreterinnen und Vertreter des MV informieren, was das alles bedeutet. In den anschliessenden Fragen zeigt sich viel Empörung, aber auch, wie enttäuscht und verletzt die Menschen sind. Noch deutlicher wird es im persönlichen Gespräch, mit Katharina Ramseyer beispielsweise. Sie ist 83 Jahre alt und hat viele Jahre bei der Credit Suisse, früher SKA, gearbeitet. «Dass sie so gut erhaltene Wohnungen abreissen, nur wegen dem Profitdenken, das finde ich nicht in Ordnung!» Es sei auch für sie als ehemalige Bankenfrau absolut unverständlich, Ausdruck einer Kultur, die sie selber von ihrer Arbeit noch nicht kannte: «Ich war damals stolz, für die CS zu arbeiten. Jetzt wäre ich es nicht mehr.»

«Das ist nicht mehr die CS, die ich kannte.»

Auch Loretta Struckmann hat in jüngeren Jahren lange bei der CS gearbeitet. Seit dreissig Jahren lebt die elegant gekleidete ehemalige Mitarbeiterin im Personalwesen mit ihrem Mann Werner im Brunaupark. Ihre Tochter Sylvia, Juristin und Managerin, begleitet ihre Eltern an die Mieterversammlung. Auch sie lebt noch heute im Brunaupark. Alle Drei sind wütend. Loretta Struckmann: «Seit wir vergangene Woche die Kündigung erhalten haben, ist mir schlecht, vom Morgen bis zum Abend. Man nimmt uns unser Zuhause weg.» „Unfassbar“, „unmoralisch“, „unethisch“ sind die Worte, die ihnen spontan in den Sinn kommen. Loretta Struckmann sagt: «Und was ist mit all den alten Menschen in der Siedlung? Wohin sollen sie, in diesem hohen Alter? Zwangsweise ins Altersheim? Ich verstehe die CS wirklich nicht mehr. Für mich war sie immer eine Institution mit hohem moralischem Wert. Heute empfinde ich nur noch Unbehagen, wenn ich ihren Namen höre. Das ist nicht mehr die CS, die ich kannte.»

Ihr Mann versteht, dass Pensionskassen in der heutigen Situation auf dem Anlagemarkt Schwierigkeiten hätten, ihre Renten abzusichern, «aber das auf Kosten von Mietern zu machen: das ist asozial!» Sylvia Struckmann: «Ich bin Stadtzürcherin, hier geboren, in dieser Siedlung aufgewachsen, in diesem Quartier zur Schule. Ich verliere mein Zuhause, weil die Bank mehr Profit machen will. Ich verstehe vieles, aber das nicht. Ich erlebe gerade, was es bedeutet, wenn einem der Boden unter den Füssen weggezogen wird. Ich versuche die ganze Zeit zu verstehen, was da gerade passiert.» Ihre Wohnung wurde erst vor wenigen Jahren renoviert – jetzt soll es abgebrochen werden? «Das geht nicht in meinen Kopf. Da wird Materie zerstört, die absolut intakt ist. Ich bin ein moderner Mensch. Aber was derzeit abgeht, auch anderswo, ist seelenlos und menschenverachtend. Nur der Profit zählt noch.»

«Nur noch das Kohlemachen zählt.»

Auch Charles Ihle, adrett gekleideter Rentner und  Brunaupark-Mieter seit 21 Jahren, kann nicht fassen, dass die Häuser abgebrochen werden sollen. «Diese Wegwerf-Menatlität, jetzt ist sie sogar bei den Immobilien angekommen! Nur noch das Kohlemachen zählt. Es ist deprimierend.» Die Kündigung sei für ihn letztlich aus heiterem Himmel gekommen, «die Information vonseiten CS war ja sehr dürftig, wenn nicht sogar inexistent.» Er lächelt müde, sagt: «Ich werde in Kürze 84 und habe eine schmerzhafte, altersbedingte Autoimmunkrankheit. Das ist ekelhaft. Und jetzt noch das.»

Madeleine und René Antosiewicz sind in einem ähnlichen Alter wie Charles Ihle und viele der hier Versammelten. Sie sind gekommen, obwohl sie im grössten Block der Überbauung wohnen – dem einzigen, der stehen bleiben kann. «Wir sind aus Solidarität hier», sagt er. Und sie: «Wir kennen viele von der Kündigung Betroffene, einen haben wir letzte Woche beerdigt. Er sagte vor kurzem noch zu mir, als wir es von den Plänen der CS hatten: „Ich mag nicht mehr.“»

Erwartungen an den Stadtrat

Ex-CS-Mitarbeiterin Loretta Struckmann steht mit ihrer Familie noch am Bistrotisch, als die meisten schon gegangen sind. Die Ernüchterung ist in ihr Gesicht gezeichnet, aber sie strahlt eine Würde und Kraft aus, die erahnen lässt, dass sie bereit ist, zu kämpfen. Die Kündigung haben sie und ihr Mann selbstverständlich angefochten. Sie sind begeistert von der heutigen Veranstaltung, dem Engagement der IG und des MV. Jetzt erwartet sie auch vom Stadtrat Taten: «Man hat die Bösartigkeit der CS unterschätzt. Es ist an der Zeit, dass der Stadtrat seine Bürger vor der Willkür solch mächtiger Goliaths schützt.»

Jetzt Petition unterschreiben!

Die Interessengemeinschaft «Leben im Brunaupark» sammelt in Zusammenarbeit mit dem MV Zürich Unterschriften gegen das biespiellose Vorgehen der CS Pensionskasse und gegen rücksichtslose Wohneigentümer.

Solidarisieren Sie sich und unterschreiben Sie!